Neue Notschlafstelle für Frauen des SkF:„ELLEfriede“ will Frauen in Wohnungsnot einen Schutzraum bieten


Saarbrücken – Die „Breite 63“ ist in Malstatt schon seit Jahren ein beliebter Treffpunkt – sei es für einen Besuch im Stadtteilcafé mit seinen günstigen Preisen oder beim Bühnenprogramm im gleichnamigen Kulturzentrum im Hinterhof. Seit 1. März ist die „Breite 63“, die aufgrund ihrer Lage in der Breiten Straße so heißt, um zwei Angebote reicher: Im dritten Stock befinden sich seitdem die Notschlafstelle für wohnungslose Frauen „ELLEfriede“ (ein Wortspiel aus französisch „sie“ und „Friede“) sowie der Tagestreff für Frauen „TafF“ in Trägerschaft des Sozialdiensts katholischer Frauen Saarland (SkF).
„Bei Wohnungslosen denken viele direkt an den alten, kranken Mann in der Fußgängerzone, dabei sind ein Viertel der von Wohnungsnot Betroffenen im Saarland Frauen, Tendenz steigend“, sagt Birgit Brittnacher, als geschäftsführende Leitung beim SkF zuständig für das Elisabeth-Zillken-Haus, ELLEfriede und TafF. Die verdeckte Wohnungslosigkeit sei bei Frauen weit verbreitet. „Viele finden bei Bekannten und ,Partnern‘ Unterschlupf. Daraus resultieren meist finanzielle Abhängigkeit und sexuelle Ausbeutung“, sagt sie. Sich daraus zu befreien, falle vielen Frauen schwer. Doch das stationäre Hilfsangebot des SkF im Elisabeth-Zillken-Haus in Saarbrücken stelle für manche Frauen eine Überforderung dar. „Beim stationären Angebot müssen Frauen viel von sich Preis geben, ihre finanzielle Situation offenbaren“, sagt Brittnacher. Bei ELLEfriede können die Frauen ohne Anmeldung vorbeikommen, dürfen anonym bleiben, müssen nicht erklären, warum sie kommen. Dass dieses niedrigschwellige Angebot für Frauen braucht, war dem vom saarländischen Sozialministerium einberufenen Runden Tisch mit den Akteuren der Wohnungslosenhilfe schnell klar. Exklusiv für Frauen auch deswegen, weil viele Gewalt durch Männer erfahren haben. Für sie soll ELLEfriede ein sicherer Schutzraum sein.
Kraft und Mut unter Gleichgesinnten schöpfen

Die Notschlafstelle mit den vier Betten, die von der Stadt Saarbrücken finanziell gefördert wird, ist an 365 Tagen geöffnet und für die Frauen kostenlos. Die Aufnahme ist abends zwischen 19 und 22 Uhr. Hier können die Besucherinnen duschen, ihre Wäsche waschen und in einem Bett mit frischer Bettwäsche schlafen – morgens müssen sie die Notschlafstelle wieder verlassen. Falls benötigt, erhalten sie auch Wechselkleidung. Ihre Habseligkeiten können sie in Spinde einschließen.. Bis zu vier Nächte in Folge können die Frauen bleiben. „Wir begegnen unseren Besucherinnen wertfrei und bieten ihnen weitere Unterstützung an“, sagt Brittnacher. Für diese müssen die Frauen nur auf der anderen Seite des Flures anklopfen: Hier hat der neue Tagestreff für Frauen (TafF), der vom Saarland finanziell gefördert wird, seine Räumlichkeiten und Daniela Schwan ihren Arbeitsplatz. Von Montag bis Freitag von 10 bis 14 Uhr ist der Tagestreff geöffnet, hier erhält jede Frau unabhängig ihrer Herkunft oder finanziellen Lage individuelle Unterstützung. „Die typische Frau gibt es hier nicht“, sagt die Beraterin. Teilweise kämen auch Frauen mit hohem Bildungsabschluss. Durch Schicksalsschläge, psychische Erkrankungen, Drogenkonsum oder sexuellem Missbrauch wurden sie aus der Bahn geworfen. Auch Schulden seien bei vielen ein Thema. Brittnacher und Schwan schätzen, dass rund 60 Prozent der Rat suchenden Frauen psychisch erkrankt sind. Perspektivisch soll TafF ein Ort für Frauen sein, wo sie neben der Beratung auch in einer Gruppe Gleichgesinnter Kraft und Mut schöpfen können.
57 Übernachtungen in den ersten drei Monaten

Gestartet sind ELLEfriede und TafF bereits am 1. Oktober 2024 provisorisch in Räumlichkeiten des Elisabeth-Zillken-Hauses, da die Unterkunft in der „Breite 63“ noch nicht fertiggestellt war. Laut SkF-Jahresbericht 2024 gab es in den ersten drei Monaten 57 Übernachtungen. Die meisten Frauen (13) waren zwischen 30 und 50 Jahre alt, sechs Besucherinnen waren zwischen 18 und 30 Jahre und vier Frauen waren zwischen 50 und 70 Jahren. Zehn von ihnen nutzten auch das Beratungsangebot des TafF. Die allermeisten Besucherinnen waren deutsche Staatsbürgerinnen.
„Viele Frauen, die zu uns kommen, haben weder einen Personalausweis noch ein Konto oder eine Krankenversicherung. Die staatlichen Leistungen, die ihnen zustehen, haben sie nie beantragt“, zählt Schwan auf. Einfach aufs Bürgeramt gehen und einen Personalausweis beantragen? Wie soll das gehen, wenn das Geld für das Passfoto fehlt? Bürgergeld beziehen, aber auf welches Konto denn? Ein Konto eröffnen – unmöglich ohne Personalausweis – so ziehe sich die Spirale weiter. Schwan hilft den Frauen, diesen aus ihrer Sicht unüberwindbaren Berg abzutragen. Damit die Frauen selbständig Anrufe tätigen können – nicht alle besitzen ein Handy – steht ein Schreibtisch mit Telefon für sie bereit. Wünschenswert wäre es, dass die Frauen im Anschluss an die Beratung eine Wohnung haben. Doch eine günstige Bleibe zu finden, sei auch ohne belastende Vorgeschichte angesichts des Mangels an Sozialwohnungen schwierig. Oft stoße die Beratung an ihre Grenze: „Wir sind in einem Zwiespalt. Wir können den Frauen die Hilfe nicht aufzwingen, aber wegen psychischer Erkrankungen sind nicht alle in der Lage, Hilfe anzunehmen.“ Für Schwan ist es daher schon ein Erfolg, wenn eine Frau sich entschließt, ins Elisabeth-Zillken-Haus zu ziehen, wo eine Tagesstruktur eingeübt wird. Oft sei der Hilfebedarf so komplex, dass es bis zu einem halben Jahr dauere, bis Frauen in ein eigenständiges Leben entlassen werden können. Mut mache ihr die Geschichte einer Frau, die seit rund 14 Tagen nahezu täglich in ihre Beratung kommt: „Sie ist sehr motiviert und hat jetzt sogar ein Vorstellungsgespräch. Das freut mich für sie sehr.“
Kontakt:
TafF – Tagestreff für Frauen
Breite Straße 63
66115 Saarbrücken
TafF wird gefördert vom Saarland
Mo- Fr: 10 bis 14 Uhr
ELLEfriede – SkF Notschlafstelle für Frauen
Breite Straße 63
66115 Saarbrücken
ELLEFriede wirdgefördert von derLandeshaupstadt Saarbrücken
Aufnahme wohnungsloser Frauen zwischen 19 und 22 Uhr