AG Gedenken Gemeinsam Gestalten in Schweich feiert Jubiläum mit Schirmherrin Katarina Barley:Gegen das Vergessen – seit 15 Jahren


Schweich – 80 Jahre sind eine lange Zeit – ein ganzes Menschenleben. Für manche Menschen eine so große Zeitspanne, dass sie von der Vergangenheit nichts mehr hören wollen. Doch an das, was vor 80 Jahren geschah, sollte erinnert werden: Damals endete das selbst ernannte Dritte Reich der Nationalsozialisten nach einem desaströsen Krieg und der massenhaften Verfolgung von sechs Millionen Juden in ganz Europa. Hinter jeder einzelnen Opfer-Zahl steckt ein individuelles Menschenleben, eine Mutter, ein Vater, ein Geschwisterkind, eine Nachbarin. Diesen Opfern ein Gesicht zu geben und ihr Schicksal sichtbar zu machen, hat sich die AG „Gemeinsam Gedenken Gestalten“ in Schweich zur Aufgabe gemacht. Gegründet vom katholischen Dekanat Schweich gehören ihr inzwischen zahlreiche Kooperationspartner beider Konfessionen und von kommunaler und zivilgesellschaftlicher Seite an. Seit 15 Jahren engagiert sich die AG in der Erinnerungsarbeit, mit dem Ziel, Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus entgegenzutreten und für Demokratie einzustehen. Am 3. April wurde das bei einem Festakt in der ehemaligen Synagoge Schweich gemeinsam mit Schirmherrin Katarina Barley, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und Schweicherin, gefeiert. Die Musikerinnen Irina Ladyjenskaya und Annette Golup von der Jüdischen Kultusgemeinde Trier gestalteten den Abend musikalisch mit.
Gedenkarbeit ist gerade jetzt nötiger denn je
Judith Schwickerath, Pastoralreferentin und Leiterin der AG, sagte bei ihrer Begrüßung: „Einige mögen sich vielleicht fragen, warum wir schon nach 15 Jahren ein Jubiläum feiern.“ Der Grund sei einfach: „Im Bereich der Gedenkarbeit und des ehrenamtlichen Engagements ist das schon eine lange Zeit. Noch wichtiger aber ist, dass aktuell im 80. Jahr der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wieder Antisemitismus, Ausgrenzung und Verachtung weltweit zunehmen. Dass in vielen Ländern die Würde von homosexuellen, queeren oder beeinträchtigen Menschen wieder in Frage gestellt wird. Wir dürfen 80 Jahre Frieden in Europa feiern und zugleich verneinen Despoten weltweit Demokratie, Menschenrechte und Frieden.“ Es gelte, dem ein Zeichen entgegenzusetzen. „Vergessen wir nicht die jüdischen Menschen, die in diesem Gebetshaus jahrelang zusammengekommen sind, die in den Straßen von Schweich und den umliegenden Orten ein und ausgingen. Setzen wir uns dort, wo und wie wir leben, in unserem Alltag, für Menschenwürde und -rechte ein und für eine Welt, in der alle Menschen ohne Angst verschieden sein dürfen.“

Ein Drittel des Europaparlaments besteht aus Rechtsextremen
Europapolitikerin Katarina Barley stimmte ihr zu: „Ich komme heute aus Straßburg. Wenn Sie sich das Europäische Parlament anschauen, ist ein gutes Drittel mit Rechtsextremen besetzt. Darüber wird wenig gesprochen, aber so ist die Situation in Europa. Wenn wir uns viele Länder anschauen, in denen Menschen an die Macht kommen, die die Demokratie verachten, wird mir selbst oft Angst und Bange.“ Im Kollegenkreis hätten sie sich kürzlich gefragt, wie es wieder so weit kommen konnte – was Politiker*innen aber auch die Gesellschaft „falsch gemacht“ habe. „Zum einen ist es vielleicht Ignoranz. Es ist viel bequemer, nur stolz zu sein auf das, was man an Erbe mitbekommen hat und leidvolle Dinge zu verdrängen. In den USA lässt Trump gerade die Geschichte umschreiben, Museen säubern.“ Auch hierzulande fragten viele, warum man sich noch „klein fühlen“ und immer zurückblicken sollte, warum man nicht wieder „stolz sein dürfe“? „Und natürlich dürfen wir stolz sein auf unser Land“, betonte Barley. „Aber ich war gerade immer darauf stolz, wie wir mit unserer Geschichte umgegangen sind. Dass wir viel Aufarbeitung geleistet haben, uns auseinandergesetzt haben, damit ‚nie wieder‘ nicht nur eine Floskel bleibt.“ Deshalb sei sie umso dankbarer für das, was die AG mit ihren Mitgliedern unterschiedlicher Altersgruppen leiste.
Lass uns alle für das 'nie wieder!' kämpfen
Otmar Rößler
Der Beigeordnete Otmar Rößler aus Schweich begrüßte die Gäste im Namen des Ortsbürgermeisters Lars Rieger. Es sei dem Nazi-Regime in kürzester Zeit gelungen, die 600 Jahre alte jüdische Kultur aus Schweich auszulöschen, dass Nachbarn und Mitbürger vertrieben und getötet wurden. „Vor 15 Jahren gingen die meisten von uns davon aus, dass die Menschheit ihre Lehren aus den dunklen Zeiten des Nationalsozialismus gezogen hätte. Dass Demokratie nicht zur Disposition steht, dass eine bunte, offene, vielfältige Gesellschaft unser Weltbild bestimmt. Dass die Würde des Menschen unantastbar, ein Leben in Freiheit selbstverständlich und Populismus und rückwärtsgewandter Nationalismus ausgedient haben. Wir haben uns geirrt. Die Wahlerfolge der Rechten in ganz Europa rütteln auf.“ Rößler plädierte eindringlich: Es reicht bei Weitem nicht mehr aus zu erinnern und zu gedenken. Lasst uns alle für das ‚Nie wieder‘ kämpfen, damit wir uns unsere freiheitliche, tolerante Gesellschaft bewahren.“

Zahlreiche Projekte in den letzten 15 Jahren
Wie Schwickerath, ihr ehemaliger Kollege Matthias Schmitz, René Richtscheid vom Emil-Frank-Institut Wittlich und weitere Mitglieder der AG vorstellten, hatte das Projekt mit der Erforschung der Biografien und Lebensorte von jüdischen Menschen aus Schweich begonnen, was später auch auf umliegende Orte wie Mehring oder Fell ausgeweitet wurde. Anfangs führten Schmitt und seine Kollegin Beate Barg einzelne Veranstaltungen durch, auch mal die ein oder andere Ausstellung. „Irgendwann kam die Idee der Regionalisierung dazu. Wir wollten keine anonymen Geschichten erzählen, sondern den Erinnerungen Stimmen und Gesichter geben, zeigen, was hier vor Ort geschah“, berichtete Schmitt. Die Eröffnung der Dauerausstellung in der Synagoge habe vor 15 Jahren die Basis für die dauerhafte – auch pädagogische – Gedenkarbeit markiert. Auch eine Webseite entstand durch die Arbeit der Historiker Heinz Erschens, Barbara Dohm und René Richtscheid – ehrenamtlich gepflegt von Christoph Oberweis, Webdesigner und ehemaliger Lehrer. Auf ihr kann man beispielsweise eine Personensuche vornehmen und erfährt viel Wissenswertes über jüdisches Leben in der Moselregion, das seit 1339 urkundlich erwähnt ist. Große Projekte der AG waren etwa die Wanderausstellung zu Anne Frank, bei der Schulen aus Schweich mitwirkten und Jugendliche selbst ihre Mitschüler führten. Außerdem initiierte die AG ein großes Mitmachkonzert mit Helmut Eisel, einem international bekannten Klezmer-Musiker, der gemeinsam mit Interessierten und Schüler*innen der Meulenwaldschule das Konzert „Meet Klezmer“ auf die Beine stellte. Seit 2019 ist fester Bestandteil auch die jährliche gemeinsame Aktion von „Grenzenlos Gedenken“ am 16. Oktober, dem Tag der Deportation von Luxemburger und Trierer Jüdinnen und Juden ins Ghetto Litzmannstadt (heute Lodz). 2024 gab es eine große Kundgebung gegen rechte Ideologien und für die Demokratie, die die AG mit organisierte.
Im Jubiläumsjahr stehen weitere Veranstaltungen an, die unter www.juedisches-leben-vgschweich.de zu finden sind. Dort kann man sich auch für den Mailverteiler anmelden.