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Klangstele zum Holocaust-Gedenktag in der Kirche der Jugend eli.ja  :Den Opfern Namen und Würde zurückgeben

Immer zwei Lektor:innen lesen gleichzeitig aus dem Kalendarium von Auschwitz und aus weiteren Texten, unterlegt von Musik. Im Vordergrund die noch unbeschrifteten Steine für die Gedenkaktion.
Datum:
29. Jan. 2024
Von:
Rieke Eulenstein/evks

Saarbrücken - Quietschen, Pfeifen und Dröhnen hallt durch das magentafarben erleuchtete Mittelschiff der Kirche der Jugend eli.ja. Es sind missliebige Töne, störend wie Straßenlärm. Sie mischen sich mit Stimmengewirr, Personen reden durcheinander, man nimmt Namen wahr, die genannt werden, einzelne Zahlen, Daten. Darüber legen sich zusammenhängende Sätze, Erinnerungen.

All das ist Teil der Klangstele, einer kulturellen Gedenkveranstaltung nach einer Idee des Musikers Ulrich Voss, die in Saarbrücken am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, stattfindet. 24 Stunden lang, von 0 bis 24 Uhr, lesen Freiwillige aus dem „Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945“ vor. Parallel werden Texte aus Literatur und Lyrik vorgetragen. Dazu erklingen Werke von Luigi Nono (Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz) und Arvo Pärt („Fratres“, „Cantus“, „Pari Intervallo“). Zusammen entsteht aus Stimmen und Musik die Klangstele, die den Kirchraum füllt.

Die Wirkung auf die Zuhörenden ist unangenehm, ein verstörendes Gefühl macht sich in einem breit. Schön ist das nicht. Das solle auch nicht schön sein, sagt Pfarrerin Christine Unrath, evangelisches Vorstandsmitglied der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft Saar (CJAS), die die Veranstaltung mit vielen Kooperationspartnern seit 1996 ausrichtet. Es gehe gerade darum, zu verstören, zum Nachdenken anzuregen. Die Klangstele ist Kunstinstallation und Gedenken im einem. 

Ministerpräsidentin wirkte als Lektorin mit

Auch Ministerpräsidentin Anke Rehlinger wirkte als Lektorin mit.

400 Menschen kamen im vergangenen Jahr zu der Veranstaltung, darüber hinaus hatte der Live-Stream 1.500 Aufrufe. Auch in diesem Jahr rechnen die Organisatoren wieder mit Zahlen etwa in der gleichen Höhe. „Es kommen auch Leute her, die vorher in den Live-Stream geschaut haben und sich daraufhin auf den Weg machen“, weiß Patrick Wilhelmy, katholisches Mitglied im Vorstand der CJAS.

Rund 100 Aktive, darunter Schülerinnen und Schüler von vier saarländischen Schulen wirken an der Ausrichtung mit. Eine kleine Gruppe vom Warndt-Gymnasium sei sogar bis 3 Uhr in der Früh geblieben, freut sich Wilhelmy.

Auch Ministerpräsidentin Anke Rehlinger ließ es sich nicht nehmen, selbst am Morgen des Gedenktages als Lektorin mitzuwirken. Sie habe aus einem Roman namens „Sternenkinder“ gelesen, über einen Jungen, der sich Gedanken macht, ob sein Vorname ein jüdischer sei und ob er ihn deshalb nennen dürfe. „Aus heutiger Sicht kann sich niemand mehr vorstellen, dass das damals die Realität von Menschen gewesen ist“, so Rehlinger, deshalb sei sie „außerordentlich dankbar“ für diese Veranstaltung, die zeige, was gewesen ist. 

Gedenksteine für Holocaust-Opfer bilden Davidstern

Christine Unrath und Patrick  Wilhelmy (beide CJAS) vor dem Davidstern aus Gedenksteinen mit den Namen saarländischer Holocaust-Opfer.

Neben der Klangstele gibt es dieses Jahr erstmals eine niedrigschwellige Erinnerungsaktion. In einem Seitenflügel der Kirche der Jugend – vor dem Wandportrait von Willi Graf – entsteht aus abgelegten Steinen ein Davidstern. Auf jedem der Steine stehen der Name eines Opfers des Holocausts, sein Geburtsdatum und -ort sowie falls bekannt auch Todestag und -stätte.

Ursprünglich als Angebot speziell für Schulklassen gedacht, können sich nun alle Interessierten beteiligen, am 27. Januar und darüber hinaus. Bisher sind es etwa 700 Steine, die den Davidstern bilden. Fast 1.500 weitere Steine und Namen saarländischer Holocaust-Opfer werden noch bis Karfreitag in der eli.ja bereitliegen und können dort individuell beschriftet werden. Diese Aktion knüpft an die jüdische Tradition an, dass man beim Besuch eines Verstorbenen an dessen Grab einen Stein ablegt. Und sie hat eine symbolische Ebene: „Wir geben den Menschen ihre Namen wieder“, sagt Christine Unrath. Das Lagerbuch, aus dem während der Klangstele vorgelesen wird, stehe für Entmenschlichung, Menschen würden darin zu Nummern.  Die Gedenksteine aber gäben den Menschen über den Tod hinaus ihre Würde zurück.

Was danach mit den Gedenksteinen und der Installation passiert, wird derzeit noch überlegt, erzählt Wilhelmy. „Vielleicht bleibt alles hier in der eli.ja“, sagt er. Denkbar sei aber auch, dass die beteiligten Schulen einen Teil der Steine mit zu sich nehmen und dort dauerhafte Orte des Gedenkens schaffen.

Darüber wollen die Mitglieder der CJAS noch diskutieren, die christlichen gemeinsam mit den jüdischen Geschwistern. Und auch das nächste Jahr ist bereits im Blick. Derzeit ist angedacht, dass die Klangstele 2025, 80 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs, in der Saarbrücker Synagoge stattfinden soll. Auch darüber sei man derzeit im Gespräch.

Info:

Die gesamte Gedenkveranstaltung wird 24 Stunden lang auf dem Youtube-Kanal der Jugendkirche eli.ja live gestreamt und ist auch nach dem 27. Januar weiterhin jederzeit dort abrufbar. https://t1p.de/elija 

Interessierte können sich noch bis 29. März an der Gedenkstein-Aktion beteiligen.