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Zwei Installationen im Gedenken an NS-Opfer:Gesang vom Zyklon B - Gedenken mit Störelementen

„Klangstele. Gesang vom Zyklon B“ heißt die Installation am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, in der Saarbrücker Jugendkirche. Bei der 24-Stunden-Lesung wird der NS-Opfer gedacht. Für eine zweite Installation sind Schulen zur Teilnahme aufgerufen.
Die 16-jährige Charlotte Kohler liest am Holocaust-Gedenktag aus dem 'Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939 – 1945“.
Datum:
18. Jan. 2024
Von:
Ute Kirch

Saarbrücken – Zu einer 24-Stunden-Lesung anlässlich des 79. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau lädt die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft des Saarlandes (CJAS) mit ihren Kooperationspartnern für Samstag, 27. Januar, von 0 bis 24 Uhr in die Jugendkirche eli.ja in Saarbrücken (Hellwigstraße 15, 66121 Saarbrücken) ein. „Klangstele. Gesang vom Zyklon B. Für das Hören – Gegen das Aufhören“ heißt die Gedenkveranstaltung, die bereits seit 1996 an unterschiedlichen Orten im Saarland stattgefunden hat. Seit 2010 war sie bis auf die Pause in den Coronajahren 2021 und 2022 in der Johnanneskirche in Saarbrücken zu hören. Seit 2023 findet die Installation in der Kirche der Jugend statt. Autor der bundesweit einmaligen Klang-Installation, die gesprochenen Text und Musik miteinander verbindet, ist der Cellist Ulrich Voss.

Wechselnde Sprecher werden 24 Stunden lang aus dem „Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939 – 1945“ vorlesen. Es handelt sich dabei um eine Rekonstruktion der Ereignisse im Konzentrationslager vom ersten Tag bis zur Befreiung aufgrund von Zeitzeugenberichten. Parallel werden auf einer weiteren Klangebene weitere Texte sowie Lyrik vorgetragen. Dazu zählen etwa die „Todesfuge“ von Paul Celan und „Die Ermittlung. Oratorium in elf Gesängen“ von Peter Weis. Das Publikum ist eingeladen, sich beim Sprechen der Texte aktiv an der Klangstele zu beteiligen. Die Texte liegen bereit, die Bewegung beim Sprechen im Kirchenschiff ist gewollt. Jeder Mitsprecher entscheidet selbst, in welcher Lautstärke er sprechen möchte.

Bewusst verstörendes Nebeneinander von drei Klangebenen

Bei der Installation 'Klangstele. Gesang vom Zyklon B' werden verschiedene Texte parallel gelesen.

Dazu erklingen in stündlicher Wiederholung Werke von Luigi Nono (Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz) und Arvo Pärt („Fratres“, „Cantus“, „Pari Intervallo“). Beide Komponisten haben sich in ihrer Musik mit dem Holocaust auseinandergesetzt. „Durch das Nebeneinander der drei Klangebenen entsteht beim Zuhörer eine Verwirrung, die verstörend wirkt, quasi eine vergiftete Klangstele“, sagt der Leiter des Instituts für Lehrerfort- und -weiterbildung (ILF) Thomas Mann. Diese Verstörung sei gewollt und lasse die Erschütterung und das Leid der Betroffenen erahnen.

Kooperationspartner der CJAS sind das ILF, die Synagogengemeinde Saar, die Abteilung Schule und Religionsunterricht des Bistums Trier, der Lesben- und Schwulenverband des Saarlandes und der Landesverband Deutscher Sinti & Roma Saarland. Darüber hinaus unterstützen mehrere saarländische Schulen die Gedenkveranstaltung. Neben vielen Mitbürger*innen aller Altersklassen gestalten mehrere Schulen und Lehrkräfte die Klangstele als Lesende aktiv mit. Als prominente Vorleser kommen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot, die Vize-Präsidentin des saarländischen Landtags Dagmar Heib, Polizeipräsident Dr. Thorsten Weiler, die Leiterin des katholischen Büros Katja Göbel, der Generalvikar des Bistums Trier Ulrich von Plettenberg sowie der Leiter des Bereichs Kinder, Jugend und Bildung Domvikar Matthias Struth.

Der Eintritt ist frei und jederzeit möglich. In etwa 60 Minuten ist eine Sinneinheit des insgesamt 24-stündigen Ablaufs zu erfahren. Empfohlen wird der zweimalige Besuch in großem zeitlichen Abstand.

Die gesamte Gedenkveranstaltung wird 24 Stunden lang auf dem Youtube-Kanal der Jugendkirche eli.ja live gestreamt und ist auch nach dem 27. Januar weiterhin jederzeit dort abrufbar. Schulklassen sind eingeladen, auf diese Weise im Unterricht Ausschnitte der „Klangstele. Gesang vom Zyklon B“ hören. https://t1p.de/elija

Weitere Installation für saarländische Opfer des NS-Terror

Erstmalig gibt es im Vorfeld der Klangstele eine weitere Installation zur Erinnerung an die saarländischen Opfer des NS-Terrors. Die über 2000 Namen der Ermordeten, deren Geburtstage sowie deren Geburtsorte und – soweit bekannt – Todesdatum und -ort können Schulklassen auf großen Kieselsteinen niederschreiben. Diese werden in der Kirche der Jugend gesammelt und in Form eines großen Davidssterns in einem der Seitenschiffe - nahe des Wandportraits von Willi Graf - auf dem Boden ausgelegt. Dort werden sie auch nach dem 27. Januar für längere Zeit liegen bleiben. Diese Aktion erinnert an die Stolpersteine und knüpft an die jüdische Tradition an, dass man beim Besuch eines Verstorbenen an dessen Grab einen Stein ablegt. Schulklassen sind eingeladen, sich bei der Kirche der Jugend zu melden, um sich die Steine und die Namen der Opfer abzuholen. Sie können im Unterricht oder direkt vor Ort in der Kirche beschriftet und zum Davidsstern zusammengelegt werden.

Die Steine und die Namenskarten können am 19. und 21. Januar nach vorheriger Terminabsprache in eli.ja abgeholt werden und bis zum 26. Januar zurückgebracht werden. Darüber hinaus besteht auch die Möglichkeit, vor Ort eine Unterrichtsstunde zu gestalten, bei der die Schülerinnen und Schüler Steine beschriften und in das entstehende Kunstwerk einbauen. In der Kirche liegen weitere Materialien zur Vertiefung der Thematik aus. Unterrichtsstunden können vom 23. bis 26. Januar 2024 von morgens 8 Uhr bis in den Nachmittag gebucht werden. Anmeldung unter  https://www.eli-ja.de/aktuellesktuelles (eli-ja.de)

Hintergrund:

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im heutigen Polen. Seit 1996 ist der 27. Januar als „Tag des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus“ offizieller gesetzlicher Feiertag. Neben den rund sechs Millionen ermordeten Juden wird an diesem Tag auch der getöteten Kommunisten, Sozialisten, Widerstandskämpfer und der Bürger gedacht, die vom NS-Regime als „unwertes Leben“ bezeichnet und vernichtet wurden.