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Grenzüberschreitendes Jugendtanzprojekt „Passagen“ startet am 24. Juli in Frankreich:Junge Europäer geben tanzend Denkanstöße

Unter dem Titel „Fragil oder die Parabel vom Angelus Novus“ veranstaltet die Projektreihe „Passagen“ im Sommer 2022 in Frankreich das neunte Jugendtanzprojekt.
Bildunterschrift: Jugendliche beim Tanztheaterprojekt „Passagen“ 2018 in Portou/Frankreich. Foto: Veranstalter
Datum:
13. Juli 2022
Von:
Bischöfliche Pressestelle

Saarbrücken – Unter dem Titel „Fragil oder die Parabel vom Angelus Novus“ veranstaltet die Projektreihe „Passagen“ im Sommer 2022 in Frankreich das neunte Jugendtanzprojekt. Das Projekt findet in St. Chély d’Apcher/Frankreich statt. Im Zeitraum vom 24. Juli bis zum 7. August werden 60 Jugendliche aus Deutschland, Frankreich, Rumänien, Spanien und Bosnien-Herzegowina dort zusammen leben und tanzen und diskutieren. Konnte das Tanzprojekt 2020 coronabedingt fast nur digital stattfinden, gab es im letzten Jahr eine hybride Ausgabe.

Die Projektreihe „Passagen“ wurde 2013 unter der Leitung von Pastoralreferent Heiner Buchen vom Pastoralen Raum Saarbrücken ins Leben gerufen. In zweiwöchigen Tanzcamps erhalten junge Menschen aus Europa in jeweils einem der Teilnehmerländer die Möglichkeit, unter Anleitung internationaler Choreograf:innen ein abendfüllendes Tanztheaterstück zu entwickeln. Auch das Organisationsteam ist multinational mit jungen Pädagog:innen, Medienschaffenden und einem Sound- und einem Visualdesigner besetzt.

Es gebe bewusst keinen öffentlichen Aufruf an die Jugendlichen, sich zu bewerben, betont Buchen: „Wir gehen in Berufs- und Gemeinschaftsschulen, Jugendzentren und Flüchtlingsinitiativen und machen dort auf das Projekt aufmerksam.“ Damit wolle man auch Jugendliche erreichen, die von selbst nie auf die Idee gekommen wären, sich zu bewerben und auch sonst keine Möglichkeit hätten, sich eine solche Reise ins Ausland zu leisten. Am Ende solle die Runde aus Menschen verschiedener sozialer Milieus bestehen. Gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe seien auch klare Ziele der Trierer Bistumssynode. „Diakonische Kirchenentwicklung heißt für uns, in die Situationen von Gesellschaft zu schauen. Die verschiedenen Viertel und Dörfer sozialräumlich zu analysieren und daraus Handlungsoptionen entwickeln für die Ausgegrenzten, Armen und Benachteiligten. Zu schauen: Wo sind Menschen, die über vieles nicht verfügen“, erklärt der Pastoralreferent.

Tanzerfahrungen werden nicht vorausgesetzt. „Aber es sollte die Bereitschaft bestehen, pro Tag drei bis fünf Stunden zu tanzen, sich an den inhaltlichen Workshops zu beteiligen und sich in die Gemeinschaft einzubringen“, sagt Heiner Buchen. Das sei aber noch nie ein Problem gewesen: „Die jungen Leute sind hochmotiviert!“ Die in den Projekten entstehenden Tanztheaterstücke sind jeweils eng mit der Geschichte ihrer Entstehungsorte verbunden und werden auch dort uraufgeführt. Erstaufführung ist dieses Jahr am 5. August in St. Chély d’Apcher. „Wir hoffen, dass wir wie in den Vorjahren das Stück im nächsten Jahr im Rahmen des französisch-deutschen Festivals Perspektives in Saarbrücken aufführen können“, sagt Heiner Buchen.

Wichtige Grundgedanken der Projektreihe sind es, einen Ort der interkulturellen Begegnung zu schaffen, der europäischen Vergangenheit zu gedenken, die Gegenwart kritisch zu reflektieren und für eine gemeinsame europäische Zukunft zu begeistern. Dabei dient urbaner Tanz als Medium und als universelle Sprache, die die Teilnehmenden über Ländergrenzen und sprachliche Barrieren hinweg verbindet. Diese Grundgedanken spiegeln sich auch im diesjährigen Motto wider. Die Fragilität der Erde und des menschlichen Zusammenlebens zeige sich aktuell deutlich in Kriegen, der Corona-Pandemie und der Klimakrise. Die Ölfarbzeichnung „Angelus Novus“ von Paul Klee und dem dazugehörigen Denkbild des Philosophen Walter Benjamin bilden die zweite inhaltliche Dimension. Benjamin entdeckte in diesem Bild die zerstörerische Kehrseite des Fortschritts und entwickelte daraus eine Kritik an unserer Art zu leben.

Neben dem Tanz werden sich die Jugendlichen in Workshops inhaltlich mit sechs Themen beschäftigen: Mit dem Zustand der Erde, dem Kapitalismus, mit zwischenmenschlichen Beziehungen, dem Angelus Novus, der Europäischen Dominanzkultur und dem Thema Nachhaltigkeit. Die Choreografie des entstehenden Tanztheaterstücks wird zum persönlichen Aufrichten der Jugendlichen, zur politischen Intervention und möglicherweise auch zum Widerstand gegen die eigene Ohnmacht in den aktuellen Zeiten der Krise.

Wegen fehlendem Geld sei noch keiner zu Hause geblieben, stellt Heiner Buchen klar. Wer die 190 Euro Eigenbeteiligung nicht aufbringen könne, werde durch Sponsorengelder unterstützt. Auch das Bistum Trier fördert das Tanzprojekt mit Mitteln aus der Bischof-Stein-Stiftung und aus dem Fonds für soziale Teilhabe. Darüber hinaus werden die „Passagen“ vom Regionalverband Saarbrücken, dem saarländischen Kultusministerium, Saartoto und verschiedenen bundesweiten Kulturstiftungen, vor allem der Egerland-Stiftung unterstützt.

Info: Bei dem Namen „Passagen“ handelt es sich um einen entliehenen Begriff des Philosophen Walter Benjamin. Für ihn bedeutete das Wort „Passage“, wenn sich jemand der eigenen kollektiven und individuellen Vergangenheit interessiert zuwendet und sich somit in einen Erfahrungsraum begibt, der Veränderung ermöglicht. Die Passage wird als Übergangsbereich gedacht, als Schwelle. In der Tanzprojektreihe verschwinden Grenzen – Ländergrenzen und Grenzen zwischen den Teilnehmenden, zwischen Vergangenheit und Gegenwart und stattdessen schafft die Projektreihe Zonen des Übergangs, der Begegnung und des Miteinanders für die Teilnehmenden.

(uk/red)