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Pastoraler Studientag in Otzenhausen:Säkularisierung – Risiko oder Chance für die Seelsorge?

Die Zukunft der Seelsorge war das zentrale Thema des Pastoralen Studientags für den Visitationsbezirk Saarbrücken am 16. November in der Europäischen Akademie Otzenhausen.
Rund 100 Seelsorgerinnen und Seelsorger kamen zum Pastoralen Studientag.
Datum:
19. Nov. 2023
Von:
Ute Kirch
Pastoraler Studientag in Otzenhausen.

Otzenhausen – Was versteht die Kirche unter Seelsorge und was erwarten die Menschen von ihr in diesem Bereich? Wie kann und muss Seelsorge sich in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, sinkender Kirchenbindung und abnehmender Zahl der hauptamtlichen Mitarbeitenden aufstellen? Birgt die Säkularisierung nicht nur Risiken, sondern eventuell auch Chancen für die Seelsorge? Über diese Fragen haben am 16. November beim Pastoralen Studientag für den Visitationsbezirk Saarbrücken im Bistum Trier rund 100 Hauptamtliche, darunter Gemeinde- und Pastoralreferent*innen, Priester, Diakone und Mitarbeitende der Caritas gemeinsam mit Bischof Dr. Stephan Ackermann diskutiert. Passend zum gleichnamigen Papier der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) trug der Studientag in der Europäischen Akademie Otzenhausen die Überschrift „In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche“. Gastreferent Dr. Hubertus Schönemann, Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral der DBK, stellte das Papier vor. Mit dabei waren auch Weihbischof Franz Josef Gebert und Mechthild Schabo, Leiterin des Bereichs Seelsorge und Kirchenentwicklung im Bischöflichen Generalvikariat (BGV) Trier.

"Das Säkulare ist nicht nur Konkurrenz"

Referent Dr. Hubertus Schönemann.

„Seelsorge ist das Kernthema für unseren Dienst. Aber wir haben als Christen kein Copyright auf diesen Begriff. Wir spüren, dass wir nicht die einzigen sind, die in dem Feld unterwegs sind“, sagte Bischof Ackermann in seiner Begrüßung. Dies sei die Ausgangslage für das DBK-Papier gewesen. „Wir wollen uns klarer positionieren: Was meinen wir als katholische Kirche in Deutschland, wenn wir von Seelsorge sprechen? Was können wir einbringen im Unterschied zu anderen?“, fragte er. Zum anderen stelle sich die Frage, was die Menschen von der Kirche erwarten dürften, wenn sie mit christlichen Seelsorger*innen in Kontakt treten.

Mithilfe von drei Kurzimpulsen regte Hubertus Schönemann, der selbst 17 Jahre als Seelsorger tätig war, zur Auseinandersetzung mit dem bischöflichen Schreiben an. Dabei ging es vor allem darum, wie sich die künftige Praxis der Seelsorge in verschiedenen Feldern gestalten könne. Dabei fragte er auch nach Entwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen im Kontext veränderter Rahmenbedingungen, die es in der inzwischen teamorientierten – und damit multiprofessionellen – Seelsorge gebe. Als ausschlaggebende Punkte nannte er etwa die zunehmende Säkularität innerhalb der Gesellschaft, also die Weltlichkeit in Abgrenzung zur Religiosität, Strukturveränderungen wie etwa die Zusammenlegung von Pfarreien und immer geringere Finanz- und Personalressourcen.

„Seelsorge ist universal. Das Säkulare ist nicht nur Konkurrenz“, so Schönemanns These. „Wir können zusammenarbeiten, etwa in der Geflüchtetenhilfe, und uns so gesellschaftlich einbringen und mit Gruppen zusammenarbeiten, mit denen sonst kaum Berührungspunkte bestehen.“ Am Tun und Leben Jesu entscheide sich, wie Seelsorge heute gelebt werde: „Jesus geht auf die Menschen zu und fragt: Was braucht ihr?“

Die Leiterinnen und Leiter der Gesprächsgruppen stellen ihre Angebote vor.

In welchen Formen Seelsorge im Bistum Trier gelebt wird, zeigte sich in verschiedenen Workshops. In Kleingruppen diskutierten die Teilnehmenden etwa über die Themen Notfallseelsorge und Krankenhausseelsorge oder gemeinsame Projekte mit der Caritas. „Quereinstieg in die Seelsorge: Chancen und Risiken“ lautete das Diskussionsthema der Gesprächsgruppe des Leiters der Abteilung „Seelsorge und Lebenswelten“ Ulrich Stinner. Als Reaktion auf die sinkende Zahl der Hauptamtlichen werden im Bistum bereits heute in einigen katholischen Pflegeeinrichtungen Personal zu Seelsorger*innen qualifiziert. Geplant sei, nach der Klärung von Rahmenbedingungen diese neue Form des nebenamtlichen Seelsorgers auch in den Pfarreien einzuführen. Die Gruppe um den Beauftragten für Weltanschauungsfragen Matthias Neff beschäftigte sich mit dem Thema „geistlicher Missbrauch“. Dieser werde von Klerikern wie Laien ausgeübt, in kirchlichen und gesellschaftlichen Beziehungen. „Er geschieht überall dort, wo es jemanden gibt, der behauptet, es besser zu wissen als der Betroffene selbst oder nach dem Motto handelt: „Gott will, dass Du…“, sagte Neff.  Die Gruppe um Regionalkantor Sebastian Benetello sprach über „Seelsorge und (Kirchen)Musik“, denn: „Kirchenmusik öffnet ein anderes Fenster zum Glauben."

Seelsorge - ein Begriff, "mit dem wir wuchern dürfen"

Das Friedenskreuz ist ein Symbol für das gemeinsame Jahresmotto 2020 der katholischen Hilfswerke 'Frieden leben' und wurde vom Eichstätter Künstler Raphael Graf gestaltet.

Selbst unter den gesellschaftlichen Vorzeichen einer sinkenden Kirchenbindung und abnehmenden Religiosität sei Seelsorge ein starker Begriff, „mit dem wir wuchern dürfen“, bilanzierte Bischof Ackermann am Ende des Tages. „Wir dürfen uns ein stückweit als Generalisten verstehen vor dem Hintergrund unseres Glaubens. Wir sind nicht nur Hörende und sind für Menschen da. Wir kommen immer auch ins Gespräch auf dem Fundament unseres Glaubens und der Botschaft Jesu Christi. Wie explizit das dann wird, ist eine andere Frage. Aber das ist die Perspektive, die wir einzubringen haben“, sagte der Bischof. Darüber hinaus nehme er aus den Gesprächen mit, dass Seelsorger*innen als solche stärker erkennbar sein sollten. „Wir müssen sensibel dafür sein, damit sich Menschen überhaupt trauen, uns anzusprechen.“

Ackermann rief dazu auf, weiter über den Seesorge-Begriff ins Gespräch zu kommen.  Dem Studientag in Otzenhausen gingen die gleiche Veranstaltung für die Region rund um Trier und Koblenz voraus. Sie wurden organisiert vom Bereich Seelsorge und Kirchenentwicklung im BGV. Die Moderation übernahmen Karin Müller-Bauer und Dr. Thorsten Hoffmann.